Alfio Bonanno: Kunst muss überraschen können
Alfio Bonanno hat die Kunst auf Langeland maßgeblich geprägt – sowohl als Initiator des Land-Art-Parks TICKON als auch als Künstler mit acht Werken im öffentlichen Raum, die über fast ganz Langeland verteilt sind.

Die Natur war schon immer ein Teil der Kunst des Künstlers Alfio Bonanno. Schon seit seinen Anfängen in Rom, wo er zum Beispiel aggressive Vögel malte: Unzufrieden damit, wie mit ihren Lebensräumen umgegangen wird?
Für den in Italien geborenen Künstler, der Anfang der 70er Jahre in das Heimatland seiner Frau Lone, nach Dänemark, zog, war der Wechsel vom geschäftigen, lauten und dicht besiedelten Stadtzentrum Roms hin zur zunächst flachen Landschaft Lollands mit ihrer Natur und dem weiten Blick eine regelrechte künstlerische Wende.
Plötzlich konnte er buchstäblich hinaus in die Natur gehen – und nicht zuletzt die Natur nutzen, während die Malerei, die ungeachtet ihrer sonstigen Qualitäten natürlich eine Illusion ist, nicht mehr das abdeckte, wonach er suchte.
„Zuerst musste ich den Schock überwinden“, erinnert sich Alfio Bonanno, „aber dann begann ich, mit der Natur zusammenzuarbeiten … eine direkte, physische Zusammenarbeit“.
Skizzen, Ideen und Experimente füllten nun sein Arbeitsleben aus. So wie damals, als er sich als Mitglied der „Fyens Billedhugger Værksteder“ auf Hollufgård ganz konkret dafür entschied, auf die Präsenz der Natur aufmerksam zu machen.

Tüten mit Erde
„Ich habe im Skulpturenpark Plexiglasplatten aufgestellt, die das einrahmten, was wir für selbstverständlich halten: Gras, Wasser, Erde, Luft“.
Die Materialien der Natur faszinierten ihn so sehr, dass er während der Aarhus Festuge 1982 Tüten mit Bodenproben aus verschiedenen Orten ausstellte. Rote Erde, gelbliche, braune, schwarze – an den Wänden der Galerie aufgehängt, mit genauen Angaben zu Ort und Zeitpunkt.
Ein großer Erfolg war die Ausstellung nicht. Alfio Bonanno erzählt lachend, dass sie von 30 Leuten besucht wurde, nachdem eine Kritik in der Zeitung erschienen war, in der der Kritiker schrieb, dass es sich wohl eher um eine Ausstellung für ein Bestattungsunternehmen handelte. Auf Langeland fand die Ausstellung mehr Beachtung, sodass Alfio Bonanno in einem Sketch karikiert wurde, in dem Säcke mit Erde verkauft wurden.
Als Künstler hat Alfio Bonanno nichts gegen Kritik. Lieber Uneinigkeit als gar keine Reaktion.


Felsbrocken und Holz
Die Experimente mit Naturmaterialien gingen weiter und wurden immer markanter. Langsam näherte er sich jenem Stil, den man heute mit Alfio Bonannos Werk verbindet – mit großen Steinen und groben Baumstämmen.
Unter seinen Aufzeichnungen und Archivfotos findet sich zum Beispiel eine Skulptur, die für Hollufgård geschaffen wurde. Hier tragen vier zusammengebundene Baumstämme große, fast schwebende Findlinge. Übrigens ein Werk, das verkauft wurde. Das kommt sonst bei Land Art oder ortsspezifischer Naturkunst, wie Alfio Bonanno sein Genre definiert, eigentlich nie vor.
Denn ein Teil der Definition besteht ja gerade darin, dass das Werk für einen bestimmten Ort aus den Materialien geschaffen wird, die genau dort zu finden sind. Aber es war die Stadt Odense, die den Kauf tätigte, damit die Skulptur an Ort und Stelle bleiben konnte.
Bei den Werken, die Alfio Bonanno auf Langeland geschaffen hat, gibt es erkennbare Merkmale. Sie haben eine gewisse Größe, ein gewisses Volumen.
Die Werke von Alfio Bonanno
Die Kunstelite
Bei ortsspezifischer Naturkunst geht es Alfio Bonanno nicht nur um das Größte und Höchste. Auch das Allerkleinste, das fast übersehen wird, kann genauso sehr von seinem künstlerischen Qualitätssinn erfasst werden.
Dieser Sinn hat dazu beigetragen, die Künstler für den TICKON-Park auszuwählen, und bedeutet, dass die Künstler des Parks zur absoluten Weltelite der Kunst gehören.
Die Geschichte des Skulpturenparks begann eigentlich als Idee für einen Skulpturenpfad.
Ein Skulpturenpfad sollte das Publikum dazu bringen, die Natur durch die Kunst wahrzunehmen. Die Frage war, wo der Pfad verlaufen und wie er künstlerisch funktionieren sollte.
Aus der Idee wurde der Wunsch nach einem Skulpturenpark und im Zusammenhang mit dem Park auch nach einem Naturkunstmuseum.
Nach vielen Auseinandersetzungen zwischen den damals drei Gemeinden auf Langeland und Alfio Bonanno bot Graf Preben Ahlefeldt-Laurvig vom Schloss Tranekær an, dass die Skulpturen zwischen den alten, botanischen Bäumen des Schlossparks entstehen könnten. So kam es dann auch.
Oder doch nicht ganz. Denn wenn Alfio Bonanno die größte Enttäuschung in Bezug auf sein Lebensprojekt beschreibt, dann ist es die Tatsache, dass (noch) kein Naturkunstmuseum entstanden ist, obwohl mehrere deutsche Architekten Vorschläge gemacht haben, wie es gebaut werden könnte, sodass es selbst zu einem Werk der Land Art wird.
Die Investition in ein Naturkunstmuseum würde sich tausendfach auszahlen, da ist er sich sicher.
Die Werke von Alfio Bonanno
Amerikanisch versus europäisch
Von der Verfügbarkeit eines knapp 35 Hektar großen Parks bis zur Gründung von TICKON im Jahr 1993 gab es einiges zu überlegen. Unter anderem ging es darum, schnell passende Künstler zu finden.
„Ich habe an vielen Land-Art-Symposien und Konferenzen teilgenommen und dabei den Unterschied zwischen der europäischen und der amerikanischen Kultur bemerkt. Natürlich war ich als Künstler von den riesigen Land-Art-Projekten in den USA fasziniert, aber in Europa gibt es erstens keinen Platz für Werke in so großem Maßstab, und die Europäer haben auch eine ganz andere Herangehensweise. Hier kann ortsspezifische Kunst genauso gut in einem Hinterhof entstehen. Oder auf einem Blatt, wie bei Andy Goldsworthys Installation aus roten Mohnblumen, die auf Irisblättern befestigt sind.“
Er erinnert sich an ein Symposium, bei dem ein amerikanischer Land-Art-Künstler seine Idee vorstellte, den Grand Canyon zu verändern … Eine ganz andere Denkweise als zum Beispiel bei TICKONs allererstem Künstler, dem Engländer David Nash, der zusammen mit der Schafzucht des Parks die „Sheep Spaces“ schuf.
Das Werk besteht aus großen Eichenstämmen, die durch das Lanolin der Wolle langsam schwarz wurden, wenn sich die Schafe daran rieben, und an denen nach und nach auch flatternde, helle Wollbüschel hinzukamen.

Das unverzichtbare Positive
„Für das TICKON-Projekt war es absolut entscheidend, dass ein international anerkannter Künstler zusagte, zu kommen. Es ging darum, keine Kompromisse einzugehen – es musste einfach das Beste vom Besten sein“, erzählt Alfio Bonanno, der David Nash mit großem Überzeugungsvermögen dazu brachte, sich für einen ganz neuen Land-Art-Park auf Langeland im kleinen Dänemark zu interessieren.
„Warum mich einladen?“, fragte Nash zunächst – und „warum sollte ich nach Langeland kommen?“
„Ich musste ihn davon überzeugen, dass es notwendig war … notwendig, dass auch auf Langeland etwas Positives passierte, statt dieser negativen Tendenz, dass alles zentralisiert und geschlossen wurde: das Krankenhaus, das Amtsgericht, die Post, die Polizei. Wenn wir hier auf der Insel weiterhin gut leben wollten, war ein schneller Gegenschlag einfach unerlässlich!“
Danach war es einfach, andere international bekannte Künstler für die Idee zu gewinnen, als sie hörten, dass David Nash dabei war. Auch wenn die Gage von 15.000 Kronen pro Künstler bei weitem nicht an die Honorare heranreichte, die diese Künstler sonst für Projekte auf der ganzen Welt bekommen.
„Der nächste Künstler war Andy Goldsworthy, den ich dabei beobachtet hatte, wie er mit einem großen Schneeball experimentierte, der innen mit Naturmaterialien gefüllt war. Als der Schneeball schmolz, kamen die Naturmaterialien zum Vorschein.“
Die Magie des Überraschungsmoments
Bei Land Art oder Naturkunst geht es für Alfio Bonanno vor allem um den Moment der Überraschung, und wenn er seinen absoluten Favoriten aus dem TICKON-Park nennen soll, ist das auch eine Wahl, die an sich schon überraschen mag: nämlich das Werk „Wood and Water – a Space Exploration“ des Norwegers Helge Røed, das 1993 errichtet und nach Absprache mit dem Künstler im Jahr darauf wieder entfernt wurde.
„Helge Røed war wirklich ein Künstler, der für Diskussionen sorgte“, sagt Alfio Bonanno.
Das Werk bestand aus gelben Plastikrohren, die in einer Baumgruppe am Schlosssee aufgehängt waren. Damit die Rohre genau die milchig-gelbe Farbe hatten, die zur Farbe des Parks passte, wurden sie aus Norwegen geholt. Anschließend wurden sie so aufgehängt, dass das Gesamtbild, von einem bestimmten Aussichtspunkt aus gesehen, ein perfektes Oval bildete.
„Was zum Teufel machen diese Rohre denn da?“, lautete die Frage der Parkbesucher, und das ganze Jahr über verteidigte Alfio Bonanno das Werk und erzählte von der Magie, die dabei entstand. Und vom Mut, etwas anderes zu wagen.
Die Kunstroute
Die Kunstroute bietet dir die Möglichkeit, die größeren Kunst- und Kulturerlebnisse mit Besuchen bei einzelnen Künstlern und Kunsthandwerkern zu verbinden, während du durch die wunderschöne Natur von Langeland streifst und an Kunstwerken im öffentlichen Raum vorbeikommst.













